Küche :: Übelriechendes Nationalgericht
Unsere nord-nord- nordischen Nachbarn - ich spreche von den Schweden - verfügen über eine Delikatesse, die nur sie selbst verstehen und alle anderen kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen: der sour herring, der solange in einer Dose vergären muss, bis er erbärmlich stinkt. Wie bei Delikatessen üblich, kommt er dann nicht auf den Kompost, sondern bei den Schweden auf den Teller. Das Gericht heisst Surströmming - von sur, was auf schwedisch soviel wie sauer bedeutet.Die offizielle Bezeichnung von Surströmming ist fermentierter baltischer Hering. Der Genuss dieses Kulinariums ist sehr esoterisch. In seinem Heimatland kann man ihn in Dosen kaufen. Wer selbige öffnet, den trifft der hundserbärmlichste aller Gestänker.
Kleine fangfrische Ostseeheringe werden in Holzfässern eingesalzen und mit Innerein (!) vergoren (erstes Kopfschütteln).
Nach ca. 48 Stunden werden die Innereien und die Köpfe der Tiere entfernt. Jetzt kommen sie in zylindrische Konservendosen. Diese werden nunmehr voll 8-12 Wochen (Uiii!!) der sommerlichen Hitze ausgesetzt. Vornehm heisst sowas: sie gären nach - etwas bildlicher würde ich sagen - die Dinger rotten gemütlich vor sich hin. Die dabei unvermeidlich entstehenden Gase beulen die Dosen ordentlich rund aus. (Bei der Vorstellung, was da so vor sich hin wird kommt mich ein deutlich vernehmliches Würgen an.)
Nach offizieller Aussage der mittelalterlichen Gesetzgebung zur Herstellung dieses sommerlichen Mittagessens riecht das Zeug jetzt schlecht, sehr schlecht. Das muss auch so sein. Denn nur so auf diese stinkende Weise wird Surströmming zu der Delikatesse, die es bei einer nicht zu vernachlässigenden Minderheit in Schweden ist. Diese Gesetzgebung regelt darüberhinaus auch, dass der Fisch an einem einzigen Tag im Jahr verkauft werden darf - am dritten Donnerstag im August. Dann nämlich wird das schwerverständliche Gericht traditionell mit Knäckebrot und Pellkartoffeln gereicht. Ausreichende Mengen an Bier, Aquavit und Wodka runden die Sache ab. Ich habe im übrigen nicht herausbekommen, ob die geistigen Getränke vor oder nach dem Verzehr nötig sind.Um zu dokumentieren, dass ich hier nix vom Himmel herunterübertreibe, gibt es einen kuriosen aber durchaus glaubhaften Nachweis für die Geruchsexplosion beim Verzehren des vergammelten Herings.
Es liegt ein legendär gewordenes Urteil des Landgerichts Köln aus dem Jahr 1984 vor. Zu Weihnachten 1981 verteilte eine Mieterin im Treppenhaus Surströmmingstunke. Ihr wurde fristlos gekündigt. Das Gericht bestätigte die Kündigung, nachdem in der mündlichen Verhandlung eine Dose Surströmming geöffnet wurde (LG Köln v. 12. Januar 1984 — 1 S 171/83, WM 1984, Seite 55.)
Noch mehr zum Thema und anderen stinkenden Fischgerichten wie nicht anders zu erwarten bei Wikipedia. Denn es gibt ja noch Funazushi (japanischer, 4 Jahre fermentierter Fisch) oder Gammelrochen und Hákarl aus Island - die letzten beiden sind Fische, die keine Harnblase besitzen. Da geht dann alles schön ins Fleisch - aber eben... Man sagt, diese Gerichte seien nur was für richtig mutige Hobbyköche.
Guten Appetit, Beverly.
Foto oben von Marienna via Flickr.
technorati tags: Surströmming Hering Fischgericht








2 Kommentare:
Geistiges Getränk
zum Thema Aquavit kann ich was beisteuern ;-)
Die kühle, glasklare Flüssigkeit wird vor, während und nach dem Essen getrunken. Wichtig ist aber, dass zuerst ein Schluck Aquavit getrunken und dann mit Bier nachgespült wird. Angeblich „rutscht“ das Bier dann (noch) besser die Kehle runter ;-)
Zuviel Aquavit VOR dem Essen bekommt einem NICHT GUT! Roger könnte aus Erfahrung sprechen *grins*, also lieber etwas Zurückhaltung. Es reicht ja dann, wenn während dem Essen immer wieder mal das Glässchen erhoben wird und man sich „skol“ zuruft :-)
Und zudem:
in einem "anständigen" Restaurant, werden nicht etwa immer wieder Glässchen nachgereicht, sondern es wird eine ganze Flasche auf den Tisch gestellt. Es hat also genug ;-). Abgerechnet wird dann am Schluss wieviel noch in der Flasche übrig ist.
Übrigens:
Der Name Aquavit stammt vom lat. "aqua vitae" was soviel bedeutet wie Lebenswasser, dass sagt ja schon viel ;-))
Liebe Grüsse
Christa
Ha, das ist ja ein super-Kommentar. ;) Ich selbst habe dieses Zeug ja noch nie getrunken. Soll irgendwie nach Anis schmecken? Ich mag ja Pernod sehr gern aber nur im sommer und mit ordentlich viel Wasser. ;)
Vielen Dank für diese ausführlichen Ergänzungen. - Und das mit der ganzen Flasche finde ich ziemlich gediegen. Und es wird sicher mehr konsumiert, als müsste man immer für jeden kleinen Schluck das Personal an den Tisch rufen - 2x gleich. ;)
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